13
Feb

Im Rahmen unserer Bearbeitung eines der prominentesten Sanierungsprojekte Halles fanden wir den Kontakt zu einer Tochter des seinerzeitigen Architekten. Aus den bisherigen Gesprächen und Briefen wissen wir um die teils dramatische Lebensgeschichte dieser Familie. Es ist eine besondere Geschichte und doch sicher nur eine von vielen. Nun erreicht uns ein Auszug aus den Memoiren der heute alten Dame – ein bewegendes Dokument, welches für sich steht und eines weiteren Zusammenhanges nicht bedarf. Uns ist es eine Mahnung.

Abschrift
geschrieben im Frühjahr 1995

50 Jahr Frieden – Kriegsende in Mitteldeutschland

Anfang Mai 1945 – es ist Frieden – das Wort muß verstanden werden – es ist Frieden – und die Mandelbäumchen blühen – eine zaghafte, schüchterne Freude ergreift die geschundene Seele.
Die Mandelbäumchen wagen es zu blühen, sie haben die Kraft nach all´ den Verbrechen, dem Grauen, das viele Namen trägt – und die Bilder des Grauens haben sich in unsere Seelen geschrieben.
Wir leben noch –
Nach den Bomben, die unser Haus zerschmetterten – Ostersamstag – es ist ein Tag, an dem die Glocken aus Trauer schweigen –
Und die Bomben fielen –
Als die Kinder auf dem Kellerfußboden lagen –
Unsere gebeugten Rücken über ihnen –
Volltreffer – Stoßgebete – 5 Stockwerke brachen über uns zusammen und haben uns durchgeschüttelt –
Höllische Detonationen – wir schwanken wie ein Schiff im Sturm –
Wir können kaum noch atmen, aber wir leben noch –
Das tiefe Brummen der Flugzeuge verstummt –
Entwarnung – dann eine unheimliche Ruhe –
Dichter Staub um uns – wir bewerfen uns mit nassen Tüchern –
eine faustgroße Lichtquelle im Dunkeln –
wir packen die Steine mit unvorstellbaren Kräften bis das Loch größer wurde – bis wir
die Sonne sahen und wir wieder atmen konnten –
wir kletterten hinaus aus dem brennenden Trümmerhaufen –
das war einmal unser Elternhaus –
ach mein Kind, deine Puppe in ihrem neuen Kleidchen wurde ein Raub der Flammen.
Aber wir leben noch – und die Tauben kreisen über uns und suchen ihr Gehege – es gibt kein Gehege mehr.

Wir sind noch einmal davon gekommen –
Aber da stand die weinende junge Frau mit dem Hund an der Leine und dem toten Kind im Kinderwagen – aus den Trümmern des Nachbarhauses kroch eine Verletzte,
sie blutete auf dem Rücken, hielt unter ihrem Arm krampfhaft das Kuchenblech fest – sie hatte nichts mehr,
wollte aber den Kuchen retten, den sie für Ostern gebacken hatte – dabei war er voller Glassplitter.
Am stillen Samstag vor Ostern schweigen die Glocken, die Bomben fielen und das Grauen hat so viele Namen – so viele Tote – Zerfetzte liegen im Park und auf der Straße – unkenntlich geworden.
Wohin mit uns? Hinaus aus der gefährdeten Großstadt in einen kleinen Ort als ungebetene Flüchtlinge – ohne Löffel für die Wassersuppe?
Aber wir leben noch, mein Kind, und Du bist unversehrt.
Am 20. April – Durchhalteparolen der Nazis im Radio, durch Lautsprecher– dieser Wahnwitz – die Demagogen grölen immer noch.
Kampfgetöse nähert sich, Granateneinschläge, wüstes Aufheulen der russischen Panzer – die Befreier aus der Naziherrschaft zogen ein, forderten brutal ihre Siegerrechte – und sie fanden alle, die sie suchten – kalt ist ein Revolver im Nacken – es gibt die Starre Angst, die jede Bewegung unmöglich macht –
Uns sie forderten ihre siegerrechte –
Und es waren derer viele, die sie forderten.
50 Jahre sind vergangen und zittert die Hand beim Schreiben.

Es ist Frieden geworden im Mai 1945, der Krieg ist vorbei – und die Mandelbäumchen blühen in voller Pracht – nur die geschundene Seele weiß nicht mehr, was Freude ist,
wir leben noch, aber haben wir noch Mut zum Leben
nach alledem ?

Tränenlos – zu müde und zu leer zum Beten.
Halte die rosa Mandelblüte in Deiner kleinen Hand mein Kind – ein Spielzeug habe ich nicht für Dich.
Du verstehst die Welt noch nicht und ich verstehe sie nicht mehr.
Es gibt schon lange keine Briefe mehr –
Wird es je wieder eine Familie geben?
Gedankenfetzen vor einem Nichts –
Aber die Mandelbäumchen blühen voller Zuversicht – doch über das erste zarte Grün der Hoffnung rasen die Panje-Wagen der Roten Armee –
So muß der Frieden noch lange nach seinem Zwilling suchen – der Freiheit.

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